Kopfball mit Kopftuch
Berlin - "Football Under Cover" ist ein Film zum Lachen: wenn Hüseyin Karaduman, Präsident des Berliner Vereins BSV Al Dersimspor, partout nicht in das kleine Teheraner Stadion darf. Dort spielt gerade seine Damenmannschaft in langen Trikots und mit Kopftuch verhüllt ausschließlich vor Frauenpublikum gegen die iranische Frauenfußball-Nationalmannschaft, und er sagt: "Hey, ich bin doch auch Muslim." "Football Under Cover" ist ein Film zum Weinen: wenn die Iranerin Niloofar Basir, die das Spiel auf iranischem Boden mit organisiert hat, nur auf der Tribüne sitzen darf. Weil der iranische Fußballverband plötzlich zu der Überzeugung gelangt ist, sie sei für Fußball nicht kräftig genug. Und "Football Under Cover" ist ein Film, der Mut macht. Weil es Menschen aus verschiedenen Kulturen geschafft haben, für eineinhalb Stunden buchstäblich miteinander zu spielen. Zwei Jahre sind diese Szenen jetzt her. Das erste Fußballspiel der iranischen Frauennationalmannschaft unter freiem Himmel fand im April 2006 statt.
Die Idee hatten Marlene Assmann, Linksverteidigerin von Dersimspor, und der iranische Regisseur Ayat Najafi Anfang 2005. Sie hatten sich beim Talentcampus der Berlinale in Berlin kennengelernt. Assmann hatte dort einen Kurzfilm über ihre Mannschaft vorgestellt - und wollte unbedingt, dass die Berlinerinnen in den Iran reisen. Herausgekommen ist ein Film, der nicht nur von Sport und von Frauen in Extremsituationen erzählt. Sondern davon, wie man durch Glauben und Beharrlichkeit Widerstände überwindet. Denn es ist ja nicht so, dass eine Damenmannschaft einfach im Iran ein Spiel austragen könnte. Vor der Pressevorführung sitzen Marlene Assmann und ihr Bruder David, der zusammen mit Najafi Regie führte, bei Cola und Kaffee im Speiseraum eines Hotels im Berliner Prenzlauer Berg. Man merkt, dass die Aufmerksamkeit, die sie geweckt haben, ihnen noch immer ein wenig suspekt ist. Marlene Assmann strickt während des Interviews und spricht mit leiser Stimme. Wenn die beiden sich heute an all die Widerstände erinnern, reden sie noch immer nicht routiniert davon. Auf ihrer ersten Reise nach Teheran sicherte der Sponsor des iranischen Fußballverbandes Marlene Assmann und Ayat Najafi Unterstützung zu. Doch immer wieder wurde das Spiel verschoben. Erst sollte es im November 2005 stattfinden, dann im März, dann waren keine Visa für den Termin im April da. Man flog ohne, und am Ende ging es trotzdem. Irgendwie. Denn im Iran, so drückt es Ayat Najafi aus, ist gleichzeitig nichts und alles möglich. Man könnte das mit "reine Willkürherrschaft" übersetzen.
Dazu gab es in der Berliner Mannschaft bei aller Begeisterung für das Projekt Befürchtungen, je länger sich der Termin hinauszögerte. Ob der Iran tatsächlich ein sicheres Land ist? Oder ob angesichts von Ahmadinedschads Atomwaffenkurs nicht ein Krieg ausbrechen könnte? Immer wieder musste Marlene Assmann ihre Mitspielerinnen überzeugen. Auch der Aufenthalt im Iran beschäftigt die Assmanns bis heute. David Assmann schwärmt von der Freundlichkeit, aber gleichzeitig wussten beide, dass sie ständig unter Beobachtung standen. Ein ungezwungener Kontakt zu den iranischen Frauen sei deswegen kaum möglich gewesen.
Narmila Fathi, die als iranische Nationalspielerin zur Pressevorführung aus Teheran eingeflogen ist, erinnert sich noch sehr gern an das abschließende Bankett der Spielerinnen. Sie wirkt ein wenig schüchtern in ihrem blauen T-Shirt und den Jeans. Ihre Mutter lehrte sie das Fußballspielen. Narmila und ihre Elf durften, bevor die Berlinerinnen kamen, im Iran nur in der Halle dem Ball nachjagen. Wettkampfpraxis hatten sie kaum. Das Spiel gegen die Deutschen war das erste, das auf iranischem Boden stattfand. Seitdem gehe es mit dem iranischen Frauenfußball bergauf, sagt Narmila Fathi. Mehrere Begegnungen haben jetzt stattgefunden. Nicht ganz einverstanden war sie mit dem Bild, das der Film von iranischen Frauen vermittelt. Sie sagt, das Leben sei nicht so eingeschränkt, wie es dargestellt werde. Auf die Frage, warum Niloofar, die mit nach Berlin reisen sollte, nicht da ist, antwortet sie: Das sei eine persönliche Sache, ein Visum habe Niloofar erhalten. Niloofar ist die Frau, die im Film am lautesten ihre Freiheitsrechte verteidigt hatte. Narmila erklärt dazu, jeder Mensch habe das Recht, so zu leben, wie er es sich wünsche. Und davon habe Niloofar niemand abgehalten.
Wie alle hofft Narmila Fathi, dass die beiden Mannschaften noch einmal aufeinandertreffen. Das versprochene Rückspiel im vergangenen Jahr in Berlin kam nicht zustande. Gerade den Berliner Vereinspräsidenten Hüseyin Karaduman wurmt das sehr. Er durfte ja beim 2:2 der Frauen in Teheran nicht zusehen. Männer hatten keinen Zutritt. Sowohl Marlene Assmann als auch Narmila Fathi sagen zu einer möglichen Revanche, dass ihre Mannschaften seit dem Spiel im Jahr 2006 stärker geworden sind. Da sind sie ganz Fußballerinnen