Kunst im Iran

Kreative Kräfte gegen Zensur

08.04.2008

Anja Koch

Beginn des Inhaltes

Das Regime ist strikt und erlässt oft Verbote – gegen das Tanzen, gegen Kinofilme, gegen Theater. Trotzdem gibt es im Iran eine lebendige Kulturszene: Viele Künstler umgehen die Verbote auf ihre eigene, kreative Weise.

Frauen mit Kopftuch, Theaterszene aus "Mutter Courage" Foto: picture-alliance/dpa/Kombo ARD.de

Uneingeschränkte Presse- und Meinungsfreiheit gibt es im Iran schon lange nicht mehr, und auch die Kultur ist den politischen und religiösen Herrschern häufig ein Dorn im Auge – besonders dann, wenn sie aus dem "verhassten" Westen kommt. Deshalb hat das iranische Regime das "Ministerium für Kultur und islamische Führung" geschaffen, das auch für die Zensur zuständig ist. Alles, was nicht den "islamischen Werten und Sitten" - oder der Staatsideologie - entspricht, wird rigoros gestrichen. So müssen sich Theater-Regisseure mit ihren Drehbüchern in der Regel einer vielfachen Prüfung unterziehen, bevor sie eine Genehmigung zur Aufführung erhalten: Erst werden die Stücke gecheckt, dann der Etat festgelegt, und schließlich müssen die Schauspieler zugelassen werden.

Trotz der Hindernisse aber hat sich im Iran eine lebendige Theaterszene entwickelt: Schätzungsweise 100.000 Iraner und Iranerinnen sind heute als Schauspieler, Regisseure oder Bühnenbildner tätig. Darüber hinaus hat der Iran eine für den Nahen Osten gut ausgebildete staatliche Filmförderungspolitik, viele Produzenten erhalten finanzielle Unterstützung - natürlich nur, wenn ihre Produktionen vom Ministerium abgesegnet wurden. Auch die Begeisterung der Menschen für die Kunst ist groß. Wenn ein neues Theaterstück aufgeführt wird oder wenn ein neuer Film in die Kinos kommt, stehen die Iraner Schlange: "Oft betonen die Iraner, dass sie ein sehr kulturinteressiertes Volk sind und dass ihre Kultur eine lange Tradition hat, die berühmte Künstler hervorgebracht hat. Es gibt dort ein großes Bedürfnis, sich künstlerisch zu betätigen", erklärt Amin Farzanefar, Islamwissenschaftler und Autor des Buches "Kino des Orients" (2005).

Tor zur Welt: Das Fajr-Festival

Die Filme und Theaterstücke handeln vom iranischen Alltag: Themen wie die große Liebe zum Fußball spielen eine Rolle, aber auch die vielen Auswanderer, die ihrem Heimatland den Rücken zukehren. In den vergangenen 15 Jahren wurden auch viele westliche Stücke aufgeführt, von Brecht bis Tschechow - natürlich im Rahmen der iranischen Inszenierungsregeln. Ein Tor zur internationalen Kunst-Welt ist das "Fajr-Festival", das jährlich in Teheran stattfindet. Mit seinen drei Sektionen – Musik, Theater und Film – sucht es den internationalen Austausch und wird von den Iranern begeistert angenommen. Vor wenigen Wochen erst räumte eine deutsche Inszenierung – Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" vom Berliner Ensemble – den ersten Preis beim "Fajr-Festival" ab. Die Auszeichnung für die beste Aufführung nahmen die Schauspieler unter stehenden Ovationen an, nachdem sie auf dem Festival das Stück dreimal im ausverkauften Saal gespielt hatten.

Aus der Not eine Tugend machen

Verhüllte Frauen vor einem Gebäude Foto: picture-alliance/dpa Bild gross Strenge Regeln beherrschen das öffentliche Leben im Iran.

Der Erfolg kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schauspieler und Regisseure unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Oft gibt es bis kurz vor der Vorstellung viel Aufregung um Kinofilme und Theaterstücke. Insbesondere die Schauspieler sind in ihrer künstlerischen Ausdrucksform äußerst eingeengt. Mann und Frau dürfen sich auf der Bühne nicht berühren, Frauen haben einen Schleier zu tragen. Oft kommt es dabei zu absurden Szenen: Im Kinofilm trägt eine Frau selbst dann das Kopftuch, wenn sie im Bett liegt und gerade erst erwacht. Von den Einschränkungen lassen sich viele Künstler jedoch nicht aufhalten. Wenn sich die Schauspieler nicht berühren dürfen, deuten sie dies mit Gesten eben nur an – das Publikum versteht es trotzdem.

Auch inhaltlich müssen sich Regisseure und Produzenten an harte Regeln halten. "Jegliche Kritik an der Struktur des Staates ist absolut verboten und wird zensiert", sagt Autor Farzanefar. Für Regisseure habe das Regime ein eigenes Ranking: "Je nachdem, wie kritisch die Stücke sind, wird ein Regisseur in eine Klasse eingeteilt. Am wenigsten Ärger mit den Zensoren hat man natürlich, wenn man als weniger kritisch eingestuft wird."

Ranking hin oder her – kritische Kunst können die Sittenwächter trotzdem nicht verhindern: "In letzter Zeit gab es viele Filme, die ein bisschen zotig, lustig waren, gleichzeitig aber viel an frechen und subversiven Inhalten vermittelt haben. So wird auf intelligente Weise viel Kritik geübt", erklärt Farzanefar. Theater und Film haben sich sogar zu einer neuen Ausdrucksform der Bevölkerung gegen politische Willkür und fehlende Freiheiten entwickelt. Verbote und Zensur machen Künstler kreativer, sie suchen sich ihre Nischen. "Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Künstler gerade deshalb so aktiv und kämpferisch sind, weil es so viele Schwierigkeiten für sie gibt", sagte die in Berlin lebende, aber aus Persien stammende Galeristin Vesta Mauch in einem Gespräch mit der Deutschen Welle schon im Jahr 2005.

Musik: Auf dem Schwarzmarkt gibt es alles

Ebenso erfinderisch gehen iranische Musiker mit den Vorgaben des Regimes um. "Die Rockmusik hat einen schweren Stand, aber es gibt sie, teilweise auf hohem Niveau", sagt Amin Farzanefar. Fünf oder sechs Rockbands kommen aus dem Iran, sie heißen beispielsweise Taboo, Tatar2 oder O-Hum. Das Regime sieht sie nicht gern, jedes Konzert muss bewilligt werden. Und selbst wenn die Musiker schon auf der Bühne stehen, überwachen die Sittenwächter das Geschehen. Tanzen in der Öffentlichkeit ist in der islamischen Republik sowieso verboten, stehen Frauen auf der Bühne, dürfen sie niemals solo, sondern nur mit anderen Musikern zusammen singen. All das hält die Iraner aber nicht davon ab, sich mit Musik zu beschäftigen: Wenn nicht getanzt werden darf, nennt man das eben "sich rhythmisch bewegen", um so möglichst einen Regelverstoß zu umgehen. Amin Farzanefar kennt noch andere Tricks der iranischen Bevölkerung: "Viele Sängerinnen sind dazu übergegangen, ihre eigene Stimme technisch doppeln zu lassen, sodass nur eine Frau singt, es sich aber wie zwei Stimmen anhört".

Westliche Musik haben die iranischen Herrscher komplett verboten, nur die Songs der britischen Band "Queen" sind legal zu haben. Die Verbote aber stören die iranische Bevölkerung wenig, der illegale Handel blüht, auf dem Schwarzmarkt ist alles zu haben, was die Iraner begehren: Iranische Bands aus dem Untergrund, europäische und amerikanische Musik.


Beginn Texteinschub

Iranische Künstler mussten sich im Laufe der Jahrzehnte an ein ständiges Auf und Ab gewöhnen. Die islamische Revolution 1979 hat für Schauspieler, Filmemacher, Musiker, Schriftsteller und Maler viele Restriktionen nach sich gezogen. Seit der Errichtung des "Gottesstaates" muss sich die Kunst dem Regime und seinen moralischen Vorstellungen beugen. Als "bleierne Zeit" werden die ersten Jahre nach der Revolution beschrieben. Alles Westliche wurde verbannt, das kulturelle Leben kam zum Erliegen. Ende der Neunziger Jahre hatten sich die Kunstschaffenden jedoch viele Freiräume erkämpft. Kultur wurde langsam in den Alltag der Iraner zurückgeholt, Bands schossen wie Pilze aus dem Boden.

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"Die Schraube wird angezogen"

Iranische Jugendliche beim Fußballspielen Foto: picture-alliance/dpa Sind in der Überzahl: Iranische Jugendliche

Seit ungefähr zwei Jahren nimmt die Zensur wieder zu, wie Amin Farzanefar berichtet: "Die Schraube wird angezogen. Die Wahl des Staatspräsidenten Ahmadinedschad vor zwei Jahren war entscheidend, weil er die Posten des Kultusministeriums mit seinen Leuten besetzt hat." Die Freiheit der Kunst ist also auf dem Rückzug – mal wieder. Vielleicht aber wird diese Entwicklung bald erneut gestoppt, womöglich von der internetbegeisterten iranischen Jugend. Vor allem die Kinder der oberen Mittelklasse in den großen Metropolen pflegen einen westlichen Lebensstil. Im Verborgenen hört man Jazz, Rock- und Popmusik und unterhält sich über Kunst. Der Iran ist ein junges Land, rund 60 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 20 Jahre. Die Jugendlichen sind in der Mehrheit - ein großer Vorteil, aus dem sie vielleicht schon bald Kapital schlagen könnten.


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