Die zaghaften Rebellen des Iran
Viele junge Menschen im Iran wollen die morgige Parlamentswahl boykottieren. Denn ihr Alltag wird bestimmt von Angst. Nach Jahren der politischen Enttäuschungen und wirtschaftlichen Entbehrungen demonstrieren sie ihren Unmut lieber über Scharmützel mit der Sittenpolizei als auf dem Stimmzettel.
Leyli klatscht in die Hände und wippt mit den Hüften im Rhythmus der Popmusik. Die Studentin aus Teheran trägt einen dünnen, eng anliegenden Mantel aus blauem Samt, er glänzt ein wenig im Scheinwerferlicht. Sie hat sich einen bunten Seidenschal locker ums Haar gebunden und ihre blond gefärbten Strähnen so toupiert, dass die Frisur den ganzen Abend lang gut hält und möglichst viel davon zu sehen ist, Kopftuchzwang hin oder her.
Die 21-Jährige ist mit Freunden aus der Hauptstadt auf die 1500 Kilometer entfernte Ferieninsel Kish gekommen. Sie will ein paar Tage lang feiern, ein bisschen frei sein. Das geht hier leichter, denn die Sitten sind auch nach dem Amtsantritt von Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad vor zweieinhalb Jahren lockerer geblieben als in der Zehn-Millionen-Metropole Teheran, wo Leyli Architektur studiert. Kish ist eine Freihandelszone, nur 250 Kilometer von Dubai entfernt, man kann hier mit Dirham bezahlen.
Es ist kurz vor Mitternacht, Leyli isst Lammspieße, junge Musiker unterhalten die Restaurantbesucher mit lauten persischen Liebesliedern. Allzu ausgelassen können die jungen Iraner aber auch hier nicht feiern: Tanzen ausdrücklich verboten. Würde es jemand wagen, würde die Musik sofort gestoppt, sagt der Restaurantbesitzer
Protest durch Wahlboykott
Am Freitag wird die 21-Jährige zurück in Teheran sein. Die Iraner wählen an diesem Tag ein neues Parlament. Doch Leyli hat sich gar nicht erst genauer über die Kandidaten informiert. Sie sagt: „Zur Wahl gehe ich auf keinen Fall. Mit meiner Stimme könnte ich nichts bewirken. Unsere Machthaber tun ohnehin, was sie wollen.“ Die Wahlen hier seien „nichts als eine reine Farce“.
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Wie viele ihrer
Kommilitonen will die Studentin mit
ihrem Wahlboykott protestieren. Sie
sagt: „Wir wollen unsere
Unzufriedenheit mit der Regierung
ausdrücken und klarmachen, dass wir
zutiefst enttäuscht sind.“
Viele junge Iraner enttäuscht vor
allem, dass sich die wirtschaftliche
Situation immer mehr verschlechtert.
Durch seinen harten Kurs im
Atomstreit mit dem Westen hat
Präsident Ahmadinedschad sein Land
stark isoliert. Das Land leidet
unter der Inflation. Längst klagen
nicht mehr nur die Armen über die
Teuerung – gerade für Dinge des
täglichen Bedarfs, sondern auch die
Mittelschicht. Offiziell beträgt die
Inflation 17 Prozent, viele halten
das aber für untertrieben. Manche
Familien wissen nicht mehr, wie sie
Miete, Lebensmittel, Telefon und die
Schulbildung ihrer Kinder in Zukunft
bezahlen sollen.
Besonders die Rationierung von
Benzin auf 100 Liter pro Auto und
Monat zum vorherigen
Subventionspreis von acht Cent pro
Liter hat einen Großteil der
Bevölkerung auf die Barrikaden
getrieben. Wer mehr als 100 Liter
braucht, muss bis zu 70 Cent pro
Liter hinlegen – bei einem
Durchschnittsverdienst von weniger
als 500 Euro kann das zu tiefen
Einschnitten führen. Verständnis für
diese wirtschaftspolitisch
eigentlich sinnvolle Lösung hat kaum
jemand: In einem Land, das in den
vergangenen zwölf Monaten laut
unterschiedlichen Quellen zwischen
60 und 75 Milliarden Dollar für
Ölexporte eingenommen hat,
betrachten es viele als Grundrecht,
Billigbenzin zu erhalten.
Die Immobilienpreise in der Hauptstadt haben sich verdoppelt
Doch das allein ist es nicht, was die jungen Leute unzufrieden macht und gerade die Elite des Landes in Scharen ins Ausland treiben würde, wenn die Botschaften ihnen denn Visa ausstellen würden. Viele junge Leute träumen vom Auswandern, aber scheitern oft an der Realität und den rigiden Einreisebestimmungen der westlichen Länder. Trotzdem geben nur die wenigsten auf. Leyli sagt: „Es ist vor allem das Gefühl der Unsicherheit über die Zukunft, das uns Sorgen bereitet.“ Und dann setzt sie leiser hinzu: „Die Angst bestimmt immer mehr unseren Alltag.“
Die Kleidung junger Frauen wird von der Polizei kontrolliert
Andererseits lässt sich alljährlich während des Trauermonats Moharram beobachten, dass ausgerechnet die sonst so kritischen jungen Leute scharenweise an den Prozessionen zu Ehren des dritten schiitischen Imams Hussein teilnehmen, der im Jahr 680 in einer Schlacht im heutigen irakischen Kerbala ums Leben kam und zum Märtyrer wurde. Freiwillig tragen Mädchen und Jungs schwarze Trauerkleidung und richten Wünsche für ihr eigenes Leben an ihren spirituellen Helden. Und sogar beim Revolutionstag – traditionell genutzt für politische Propaganda – waren auch dieses Jahr wieder viele junge Menschen auch freiwillig dabei und skandierten Sprüche wie: „Atomenergie ist unser Recht, das wir uns nicht verbieten lassen.
Eine Stimmabgabe wird als Zustimmung zum System gewertet
Der Betriebswirtschaftsstudent Ali schimpft sonst sehr auf seine Regierung, aber auch er sagt: „Wenn die USA uns wegen unseres Atomprogramms angreifen sollten, werden wir alle zusammenhalten. Wir wollen keine Einmischung von außen.“ Selbst wenn dies die jetzigen Machthaber noch mehr stärken würde. „Wir haben unseren nationalen Stolz und sehen nicht ein, dass Indien, Pakistan und Israel Atomtechnologie haben dürfen und wir nicht.“ Bei der Parlamentswahl will er versuchen, die Reformer zu stärken, auch wenn ihre wichtigsten Vertreter von vornherein nicht als Kandidaten zugelassen wurden. Das ärgert Ali sehr, „aber ich muss mit den bescheidenen Mitteln, die ich habe, versuchen, etwas Gutes für mein Land zu tun“.
Unter Staatspräsident Mohammed Chatami, zu Blütezeiten der Reformbewegung, waren in der Islamischen Republik mehrere Dutzend Blätter erschienen, die zum Teil sehr kritisch und sarkastisch berichteten. Die meisten Redaktionen haben inzwischen wieder zugemacht, aber Fatemeh denkt noch manchmal an sie. Und an ihre damalige Euphorie, zu den Präsidentenwahlen zu gehen. „Ich habe zweimal für Chatami gestimmt und hatte große Hoffnung“, sagt die 34-Jährige, die seinerzeit noch studierte. Wenig davon ist in Erfüllung gegangen, und deshalb ist sie nach dem Ende der Wahlperiode Chatamis nie mehr zu einer Abstimmung gegangen. Auch dieses Mal wird sie es nicht tun. „Sonst würde ich zeigen, dass ich mit unserem System voll einverstanden bin.“
http://www.welt.de/politik/article1794573/Die_zaghaften_Rebellen_des_Iran.html
